Hochzeiten, Israel und die Realität

 

Die Zeit in den USA endete mit einer kurzen aber intensiven Ära. Dem Hochzeitsmarathon. Er begann in New Jersey. Meine erste jüdisch-amerikanische Hochzeit. Und sie war Pompös. Fast schon übertrieben. 300 Gäste, der Garten wurde umgestaltet, ein nahe gelegenes Hilton Hotel angemietet, Shuttles organisiert, eine Parkinsel mit Blumen angelegt, Sushiköche für Appetizer, 4 verschiedene Bars, mehr als 30 Bedienungen. Neben der offiziellen Zeremonie am Sonntag gab es noch ein Rehearsal dinner (Freitag) und ein Mittagessen nach dem Gottesdienst am Samstag. Ich hab. nachdem ich dann noch verschiedenen Leuten vorgestellt wurde und mitbekommen wer alles auf dieser Hochzeit anwesend ist, habe ich mich ein bisschen fehl am platz gefühlt. Aber der wein und Whisky an der bar haben mich wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Nach den 3 Tagen wusste ich auf jeden Fall, das ich wohl nicht heiraten werde.

Hochzeit vorbei. Weiter geht es nach Israel. Zwischenstopp in Madrid. Dort habe ich euch den anderen Artikel angefertigt. Viel mitbekommen von der Stadt habe ich die ersten tage nicht, denn es stand schon die nächste Hochzeit auf dem Plan. Israelisch-jüdisch. Ich hatte nur ein bisschen Zeit mein Hebräisch aufzupolieren. Aber für Smalltalk hat es gereicht. Wenn nicht, konnte auch jeder ein paar Brocken englisch. Viele sogar fließend. Ich glaube an dieser Hochzeit habe ich Oritts komplette Familie kennen gelernt. Super nette Menschen. Eigentlich alle. Herz allerliebst. Und die Hochzeit? Das komplette Gegenteil. Der Rabbi war schon betrunken bevor wir überhaupt angekommen sind. Es gab verschiedene Stationen an denen frisch gekocht wurde. Buffet sozusagen. Und es gab 2 Bars. Dort habe ich Ghat kennen gelernt. Ghat funktioniert wie Koka. Also Kokablätter. Man kann die Blätter kauen, das betäubt die Sinne und man spürt keine Schmerzen oder Müdigkeit. Dieses Zombie Dasein wie auch bei Koka. Trinkt man es aber, wirkt es wie Mate. Es belebt. L’chaim. Prost. Um. Es gab keinerlei Anzeichen eines förmlichen Daseins. Keine Tischnummern, keine Ansprachen, keine Spiele. Es wurde geredet, gegessen, getrunken und getanzt. Um kurz nach 17 Uhr wurde es unruhig. Einer der Cousins kam zu uns ‚Schnell, die Zeremonie ist schon halb vorbei‘. Achja.. wir haben noch gut 10 Minuten mitbekommen. Also mehr als die Hälfte. Mazel tov. Ab jetzt wurde getrunken. Bis um 2 Uhr nachts. Jung und alt. Klein und Groß. Egal. Es war schön und ich habe Parallelen zu Kolumbien gesehen. Auch in Israel, einem Land in dem es politisch noch nie unkompliziert war, leben die Menschen eher den Tag als an den morgen zu denken. Wieso auch. Wer weiß ob er existiert. Meinem Kopf nach zu urteilen war ich mir auch nicht sicher. Das einzige Gefühl das ich hatte war: ‚Es ist so verdammt Heiß’… Ein bisschen Strand, ein bisschen Familie, viel Essen und es ging auf einen Israel Kurztrip.

Über Haifa ging es nach Safed, das im Norden Israels, in der Nähe des Genezareth Sees und der Golanhöhen liegt. Es ist mit 900 Metern die höchst gelegene Stadt Israels und dem Volksmund nach die spirituellste Stadt ist. Die vielen orthodoxen Juden in den engen Gassen der Altstadt und auf dem Kunstmarkt brachten tatsächlich eine besondere Stimmung auf. Eine Vision hatte ich denn noch nicht.Auf das nächste Ziel habe ich mich besonders gefreut. Jerusalem. Eine Stadt die bei so vielen Menschen begehren hervorruft, die religiös und dadurch politisch im Mittelpunkt der Region bzw. zeitweise der Welt steht, eine Stadt, die von so vielen Kulturen für sich beansprucht wird. Ich hatte keine Ahnung was mich erwartet, ich wüsste nicht was ich mir vorstellen kann. Ich kannte nur Bilder aus den Nachrichten, die nicht besonders positiv waren und alte Vorstellungen aus meinem Kopf die zu der Zeit entstanden sind als ich Sonntags morgens der katholischen Messe diente. Ich war aufgeregt. Aber ich glaube nicht nur deswegen glaubte ich eine besondere Energie in der Stadt zu spüren. Vielleicht war es auch eine Spannung. Es war faszinierend durch die Altstadt, ihre kleinen Läden, über die Stadtmauern und die Märkte zu laufen. Die Stadt ist in Religionen aufgeteilt. Es gibt ein jüdisches, ein arabisches und ein christliches Viertel. Ehrlich gesagt muss und will ich mich über bestimmte Aufteilungen und Kriege immer noch informieren. Durch diesen kleinen Trip ist ein Interesse an einer Region der Welt in mir gewachsen, das ich vorher durch Medienberichte und Vorurteile immer abgetan habe. Durch den Besuch hat dieses Thema leben eingehaucht bekommen. Wahrscheinlich auch durch meinen privaten Tourführer, der mir viele Sichtweisen und Hintergrundinformationen gab. Wir waren an der Klagemauer, in den Tunneln,  der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, in der Grabeskirche, in Davidstadt und auf dem Tempelberg. Dies war jedoch eine ganz eigene Geschichte.

Ich wollte mit Oritt, nachdem wir um 9.00 in den Klagemauertunneln herum spaziert sind, auf dem Tempelberg um den Felsendom und die al-Aqṣā-Moschee zu sehen. Schon in der Schlange bemerkte ich eine außerordentliche Spannung. Nicht zuletzt da vor nicht allzu langer Zeit dort Menschen erstochen wurden. Wir sahen orthodoxe Juden zu den speziellen Kontrollen laufen und wieder zurückkehren, was uns beide verwirrte, da jegliche nicht muslimische Religionssymbole strengstens verboten waren um Auseinandersetzungen vor zugreifen. Sogar die deutsche Touristengruppe vor uns musste jegliche Bücher oder andere Objekte in denen nur ein Wort Hebräisch stand zurücklassen. Es gab nochmals Passkontrollen. Oritt kam zwar mit ihrem amerikanischen Pass, der Soldat zog sie dennoch heraus. Sie sprachen auf hebräisch und ich verstand nichts, aber da ich gewitzt bin wusste ich, dass es keine spaßige Unterhaltung war. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass neben ihrer Herkunft, ihrem Verhalten auch über mich gesprochen wurde. Sie wurde 5 Mal gefragt ob sie religiös sei, ob sie religiöse Symbole bei sich hätte, ob ich die Unterhaltung verstehe. Sie sollte unter keinen Umständen zu erkennen geben, das sie Israeli war, wir durften uns nicht anfassen oder irgendeine Art von Zuneigung zeigen, nur auf englisch reden, niemandem der oben Anwesenden in die Augen schauen und nichts anfassen. Als mir klar wurde in was für einer Situation ich mich befinde, wusste ich gar nicht mehr so recht ob ich dort hoch will. Nicht nur um meine Sicherheit. Auch um Oritts. Doch es gab keinen Weg mehr zurück. Der Gang war endlos. Dann kam das Tor. Ein Soldat der zuständigen Waqf kam zu uns und sagte mir auf Englisch, dass ich mit kurzen Hosen keinen Zutritt habe. Ich solle mir am anderen Eingang eine Robe holen. Mein Adrenalinspiegel war höher als sonst. Wir gingen zum anderen Eingang. Für eine Robe muss man 25 Schekil zahlen. Wir hatten kein Geld dabei. Doch das interessierte keinen. Oritt beschloss kurz zum Felsendom zu gehen und Fotos zu machen. Der Soldat behielt mich im Auge und forderte mich mehrmals auf hinter das Tor zu treten. Sogar einen Stuhl stellte er mir höflich fordernd bereit. Doch ich wollte sie nicht aus den Augen lassen. Nach einer viertel Stunde kam sie zurück und wir versuchten so schnell wie möglich wieder in das jüdische Viertel zu kommen. Die Anspannung sank.

Von Jerusalem ging es noch nach En Gedi ans Tote Meer. Schlammbad und treiben lassen. Am nächsten Morgen gab es eine kleine Wanderung nach Masada zum Sonnenaufgang. Zurück nach Tel Aviv für ein paar Tage. Ich putzte meine Schuhe um keine Probleme für die Einreise nach Neuseeland zu bekommen. Oritts Onkel hatte 70sten Geburtstag und wir fuhren für eine Überraschungsparty mit der kompletten Familie in den Süden in eine Kibutz (Kommune) in Tse’Elim. Da Israel nicht sehr groß ist, konnte man den Gaza Streifen von der Straße aus erkennen. Vor allem bei Nacht. Die Feier war schön, aber irgendwas am Essen war es nicht und ein Großteil der Familie, eingeschlossen mir, war danach ein wenig krank.

Zurück in Tel Aviv stand nur noch packen, verstauen und die letzte Hochzeit auf dem Programm. Israelisch-Amerikanisch. Wir verabschiedeten uns schweren Herzens von der Familie und begaben uns somit auf den Endspurt. Die Hochzeit war wie erwartet eine Mischung aus übertrieben-amerikanisch zu feiern-israeli. Da mein Magen nicht ganz wieder hergestellt war musste ich ab 2 Uhr ein wenig auf die Bremse drücken. Aber Spass war es trotzdem. Ein bisschen demütigend allerdings das die 97 Jahre alte Großmutter der Braut, die extra aus den Staaten angereist ist länger durchgehalten und getanzt hat als ich.

Nicht zuletzt will ich noch ein paar Fotos des Essens hier mit euch Teilen. Das meiste kennt ihr wahrscheinlich. Manches nicht.

So, das war Israel. Ein Land in das ich mir wohl nicht hätte vorstellen können zu reisen hat kulturell und politisch mein Interesse geweckt. Nicht zuletzt da ich Oritt, ihre Familie und ihre Herkunft ein bisschen besser verstehe. Ich habe mir vorgenommen mich in Ruhe mit verschiedenen Hintergründen, aus der deutschen Presse, aus unabhängigen Medien, meinem eigenen Kopf und der Gesamtsituation auseinanderzusetzen um mir mein eigenes Bild zu machen und das Konstrukt differenziert zu betrachten. Allerdings wird meine Konzentration die nächsten Wochen wohl eher auf Neuseeland liegen. Nach dem ganzen Reisen, den Abenteuern, dem Stress, dem bürokratischen, dem Spass und der Freizeit sehnt sich meine Seele (und nicht zuletzt mein Bankkonto) nach ein bisschen Alltag. Ich hoffe das ich ein paar Sachen in meinem Kopf ordnen, ein bisschen Ruhe einkehren lassen kann und einen klareren Blick auf die Zukunft bekomme. Ich halte euch auf dem laufenden…

IMG_1273

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s