La vida vale la pena

Einer der grundlegenden Pfeiler meines Optimismus ist die Weisheit, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Schließt sich eine Tür, öffnet sich die nächste. Gegen Ende wird immer alles gut. Natürlich. Das liegt hauptsächlich an den fehlenden Alternativausgängen die man hat bzw. sich vorstellen kann. Eine Tür hat sich für mich erstmal verschlossen. Kolumbien. Was eigentlich mein Portal sein sollte.

Seit mehr als eineinhalb Monaten bin ich wieder zurück in Manizales. Neuer Anlauf, neue Energie. Ich war bereit meine Zukunft in Angriff zu nehmen. Ich glaube zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich was aufbauen. Ich hab mir das nie zugetraut. Ich bin nicht der Typ dazu. Ich habe zwar Selbstbewusstsein, aber oft nur zu einem bestimmten Grad. Ich weiß mittlerweile wer ich bin und woher ich komme. Aber meine Fähigkeiten habe ich noch nie auf die Probe gestellt. Für mich gerade zu stehen. Verantwortung übernehmen. Selbstständig sein. Ein Gesicht haben. Anderen mehr zu zeigen als nötig. Mehr als das Bild und die Persönlichkeit preisgeben die ich die letzten Jahre von mir aufgebaut habe. Zu zeigen wer ich wirklich bin, was mich bewegt, was ich schön finde, was hässlich, unabhängig davon ob andere das mögen oder nicht. Ich glaube das heißt Charakter. Es ist ein Ideal, das viele Menschen anstreben. Ich auch.

Als ich vor sechs Jahren das erste mal in dieses Land gekommen bin, hat es mich schon gepackt. Es gab viele Faktoren die mich beeindruckt haben. Ich habe immer gesagt, dass ich gefunden habe, was ich suchte und es stand außer Frage das ich zurück komme und ein Stück meines Lebens hier verbringen will. Dieser Gedanke war auch der ausschlaggebende Punkt warum ich meine wohl ruhmreiche Karriere als Soziologen-Babo über den Haufen geschmissen habe. Ich habe jeden Artikel, jede Doku und jeden Bericht über das Land verschlungen. Und dich habe ich mich niemals ernsthaft mit dem Land beschäftigt. Ich habe nie auf die Seite der Visumsbehörde geschaut, mich nie darum gekümmert, wie und was Tischler dort arbeiten. Lebensbedingungen und Menschenrechtsverletzungen…. ‚ja… aber….‘ Naivität. Im Nachhinein hättet ihr mich genau so gut an einem Sonntag Nachmittag in einem RTL 2 Format bestaunen können. Naja, zumindest kann ich die Sprache. Ich dachte das klappt irgendwie als gut ausgebildeter deutscher Handwerker mit ca. 20.000 Euro im Gepäck. Gerade in Südamerika. Kolumbien fängt an aufzublühen mit dem frisch verhandelten und unterzeichneten Friedensvertrag. Seifenblasen.

Gleich in der ersten Woche habe ich mich auf den Weg gemacht um Schreinereien zu suchen. Ich dachte mir zum Übergang erstmal als Angestellter zu arbeiten. Zu schauen, wie die Menschen hier arbeiten, wie der Kundenumgang ist, Wo ich Materialien herbekomme, Qualität und wie allgemein gearbeitet wird. Nach den ersten 8 Betrieben bei denen ich nachfragte, kam der erste Dämpfer. Alle hatten die gleiche Antwort parat: Keine Arbeit. Ich gönnte mir eine Pause um neue Motivation zu schöpfen. ‚ Ich will das, also zeig das!‘ Zack, lernte ich Arturo kennen. Ich soll nachmittags wieder kommen, dass ist der Chef auch da. Geht doch. Auch mit dem Chef Wilmer habe ich mich super verstanden. Er hat mich ein wenig an meinen alten Chef in Köln erinnert. Er wirkte als hätte er was in mir gesehen. Wir tauschten Handynummern und verblieben so, dass wir beide mal nachsehen, was für ein Arbeitsvisum nötig ist. Am nächsten Tag hat er mich promt angerufen und ins Büro bestellt. Wieder haben wir geredet, er wollte wissen, was ich bis jetzt gemacht habe und hat mir 2 anstehende Projekte erklärt. Bis ins kleinste Detail. Montag telefonieren wir wieder. Erster Tag. Besser konnte es nicht laufen. Doch. Stephan kam zu Besuch. Mit diesem Mensch den ich mittlerweile auch schon 13 Jahre meines Lebens kenne habe ich anfangs ein wenig gebraucht um warm zu werden. Er auch. Aber wir haben es geschafft und mittlerweile gehört er zu meinem festen Lebensrepertoire. Man durchlebt extreme mit ihm. Entweder man liebt sich. Oder man hasst sich. Aber meistens liebt man sich. Und hasst sich. Auch das Wochenende war ein Extremes. Mehr Details dürfen aus rechtlichen Gründen nicht preisgegeben werden. Sonntag Abend hat sich noch ein anderer Kuckuck eingenistet. Eine gewisse Frau Julia Hötte in Begleitung von Fanni. Im Nachhinein kann ich zugeben, dass ich ein wenig überfordert war. Aufregung wegen der Jobsuche, Motivation auf einen neuen Abschnitt, Besuche vom alten Kontinent (auch aus 2 verschiedenen Welten). Neue Situation, altes Problem: viel zu wenig Zeit. Manchmal wusste ich nicht wo mir der Kopf steht, aber da ich ja bekanntlich tolle Freunde habe, ist keiner nachtragend und in meiner Sicht haben wir das trotzdem irgendwie hinbekommen. Was auch dem Schreiner Wilmer geschuldet war, der spontan die Woche reisen war und sich doch Kommunikationsprobleme aufgetan haben. Donnerstag war Abreise. Es haben sich neue Konstellationen ergeben. Nur das ich in Manizales bleibe hat sich nicht geändert. Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats hatte ich das Extrem von einer sehr intensiven Zeit mit Menschen und dem plötzlichen alleine sein. Zack. Der Kopf fängt an zu arbeiten. Ich will nicht in einer Schreinerei hier arbeiten. Die Arbeiten sind hässlich und stupide, die Tage lang und der Mindestlohn beträgt 300 Dollar. Außerdem ist es aussichtslos. Es wird wohl keine Schreinerei in dem Land die Anforderungen für ein Arbeitsvisum erfüllen. Dieses Gesetz ist für große Unternehmen, für Medienbereiche, für die multinationalen Unternehmen gemacht. Der Protektionismus der sich durch viele Länder Südamerikas streckt will Eliten locken, Fachkräfte. Keine Schreiner. Vom deutschen Handwerk hat hier noch niemand gehört. Interessiert auch keinen. Für mich wäre die Sache eh nur ein Zwischenschritt gewesen. Wohin? In die Selbstständigkeit. Charakter zeigen. Zeit für eine Planänderung!

Im gleichen Moment hatte ich auch schon Plan B parat. Einen Laden. Genauer gesagt ein Café. Ein Kunstcafé/ Atelier-Café. Ich wollte (jungen) Menschen aus der Stadt bzw. Region den Platz und die Gelegenheit geben Raum für Ihr Kunst zu geben. Ausstellungen, Auftritte, Vorträge. Gleichzeitig die Bewirtschaftung übernehmen und subtil meine Möbel ausstellen. Mehrere Fliegen mit einer Klatsche. Das Wochenende stand im Zeichen der Recherche. Wie eröffnet man in Kolumbien ein Café? Was brauche ich? Mit wem rede ich? Welche Lizenzen sind von Nöten? Visa? Steuern? Oje… Ich hatte mehr Fragezeichen als zuvor. Aber ein Ass im Ärmel. Motivation.

Ich schaute nach Läden und lief nebenbei gegen mein zweites Realitätsbrett. Man kann keine Wohnung mieten ohne Sicherheiten. Diese Sicherheiten können ein Job oder ein Gläubiger, der ein Stück Land oder ein Haus auf kolumbianischem Boden besitzt, sein. Den ‚Wohnungen‘ die ich hätte haben können, will ich hier keinen Raum lassen, da sie es nicht wert waren nochmals Beachtung zu bekommen. Ich war erst frustriert. Dann dachte ich ‚Oke, naiv. In Europa haben es Ausländer auch schwerer. Wahrscheinlich haben sie die gleichen Probleme.‘ Aber verdammt…. Wir sind doch nicht in Europa. Wo ist diese angebliche südamerikanische Leichtigkeit?

Ich habe mich im Hostel eingemietet und bahnte mir langsam meinen weg durch den Bürokratiedschungel. Jeden Tag dem Ziel ein bisschen näher und klarer vor Augen. Es klappt. In der Handelskammer gab es gute, informative und geduldige Mitarbeiter. Mit dem Visum hatte ich am meisten Probleme. Es gab unter einer Visumskategorie 2 Visaarten, die sich marginal unterschieden. Das Selbstständigenvisum und das Eigentümervisum. Ich fragte in der Handelskammer, in der Steuerbehörde, sogar am Telefon und dem Livechat der Visumsabteilung der Regierung (natürlich ALLE ohne Gewehr). Das Selbstständigenvisum kann für meine Zwecke genutzt werden. Glück für mich. Es ist nämlich das leichteste zu beantragen. Man braucht ein Motivationsschreiben mit der Erläuterung wie man Geld verdienen will, einen Lebenslauf, Kopien von Reisepass, 2 Arbeitszeugnisse und Kontoauszüge die Belegen, dass man die letzten 3 Monate im Durchschnitt 3000 Euro auf dem Konto hatte. Super. Jetzt noch der Laden. Nichtmal eine Woche musste ich suchen. Es war allerdings kein Laden. Ich war auf der Suche nach einem Apartment. 40 Anrufe. 40 mal die gleiche Antwort. Gläubiger oder Job. Doch bei Frederico wurde es anders. Er ruft zurück. Er muss mit der Anwältin reden. Der Rückruf war wie im Traum. Wenn ich im Voraus bezahle, ist das kein Problem. Super. Wie Teuer? Circa das doppelte vom normalen Wohnungspreis. Ach. Kein Appartment? Ein Haus mit 2 Stockwerken und Garage? Ja, anschauen würde ich das. Die Lage war genial. Wenn nicht sogar Perfekt. Das Haus auch. Es war mit Abstand die sauberste Unterkunft von allen. Hell, rießige Fenster. Sofort verliebt. Ich fragte lieber gleich: Kann man in die Garage in Lokal einbauen? Als Frederico antwortete wäre ich ihm am liebsten um den Hals gefallen. Klar. Wenn ich es miete und die Lizenzen bekomme. Wenn ich Hilfe bräuchte könnte ich mich gerne melden. Ich hab alles gesehen. Die Bar, die Tische, die ersten Ausstellungen. Sonnenterasse. Ersten Stock erweitern. Es war schön. Als ich aufwachte von meinem Tagestraum gab ich ihm sofort die Hand und wir besiegelten den Vertrag. Ab ans Visum. Camilla und Gloria haben glücklicherweise mein Lebenslauf und das Motivationsschreiben nochmal durchgelesen. Es konnte gar nicht mehr schnell genug gehen. Der nächste Besuch stand an. Lisa und Nina (zumindest eine kannte ich aus der guten alten Mannheimer Universität) standen plötzlich auch vor der Tür. Wieder hatte ich wenig Zeit. Kühlschrank, Ofen, Geschirr, Matratze, Holz, Werkzeug, Kleinkram. Aber da ich ja nicht zum Reisen da war und es in der Gegend auch was zu tun gibt, war das ganze erstmal halb so schlimm. Wir freuten uns trotzdem für die paar Stunden die wir gemeinsam hatten. Besuche kommen immer im Doppelpack. Patrick, mein alter Mitbewohner aus Köln. Kein Plan wie der kleine Ganove es nach Südamerika geschafft hat. Aber plötzlich saß er im Taxi vor dem Hostel. Er hatte vor ein paar Jahren bei einem Autounfall einen Schlaganfall und stolpert seitdem mit einer Aphasie durch unser aller Leben und bereichert es eben so. Ich habe mich zuerst gefragt wie man ohne zu sprechen gut durch Südamerika reisen kann. Aber andererseits gibt es genug Gringos hier, die das gleiche machen ohne ein Wort spanisch mitzunehmen. Trotzdem. Vor ihm habe ich mehr Respekt. Wir hatten viel zu reden, oder eher viel zu zeigen. Zeit verfliegt und zeigt dadurch wie wertvoll sie doch eigentlich ist. So schnell wie Lisa und Nina gekommen sind, so schnell sind sie auch wieder abgereist. Patrick blieb. Aber vielleicht nur, weil er sich nicht ausdrücken konnte. Spass. Wir haben ihm ein Flug an die Karibikküste gebucht. Der Tag kam, an dem ich stolzer Mieter meines ersten Hauses sein sollte. 10.03.2017. Klasse. Auch den Rest habe ich organisiert. Nach der Schlüsselübergabe wird es direkt ins Zentrum gehen. Eduardo, einen unglaublich lustigen Fahrer treffen. Mit ihm geht es durch die gesamte Stadt. Holz im Barrio El Bosque, den Kühlschrank in der Nähe vom Markt, Herd auf dem gegenüberliegenden Berg und auf dem Weg zurück eine Matratze einsammeln. Kinderspiel. Es war ein tolles Gefühl, das Haus auf- und abzuschließen. Meins. Ich war voll von Emotionen. Zu voll. Unrealistisch. Ich machte mich bei einem Atemberaubenden Sonnenuntergang auf dem Weg zum Hostel um nach Patrick zu schauen. Der lag auf der Couch. Ich glaube er hat eine Serie geschaut. Als ich mich überfordert danebensetze, klingelt mein Handy. E-Mail. Visumsbehörde. Visum abgelehnt. Bitte was? Nein. Wörterbuch. Doch. Abgelehnt. Aber keine Begründung. Ich wollte mich sofort in den 24 Stunden Chat mit der Visumsbehörte einloggen. Server Down. Wartungsarbeiten. Sonntag gegen Mittag sind die Herrschaften für mich da. Es war Freitag. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Einer der krassesten Emotionswechsel meines Lebens. Ich war geschockt. Dachte zu dem Zeitpunkt es könnte nur etwas mit dem Bankkonto nicht stimmen. Aber machen konnte ich nichts. Ich kann nicht mehr sagen was ich Samstag unternommen habe. Ich war den ganzen Tag mit Patrick unterwegs und wir hatten Spass. Aber mein Kopf war nicht dabei. Sonntag morgen schaute ich auch nur noch minütlich auf die Uhr. Ich konnte es nicht erwarten bis es 12 war. Als es soweit war, war der Chat überfüllt. Ich rief an. Ich habe ca. 1 Stunde mit der Dame telefoniert ohne auch nur irgendwelche Informationen herauszubekommen. Sie redete um alles herum und las mir gefühlt die gesamte Internetseite der Visumsbehörde vor. Ich musste mir anhören welche andere Möglichkeiten ich habe und warum ich die kolumbianischen Frauen nicht mag. Ich könnte doch Heiraten. Ich bin fast durchgedreht. Nach dem auflegen kam nach der Ratlosigkeit die Idee nach Bogota zur Behörde selbst zu reisen. Jemand muss doch mit mir sprechen und einsehen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Ich war der festen Überzeugung das ich aus Bogota mit ner Flasche Rum in der Hand, nem fetten Grinsen im Gesicht und nem dicken Stempel im Reisepass wiederkomme. Pusteblume. Montag war Abreisetag. Patrick ist nach Cartagena geflogen. Von Pereira. Da bin ich mit. Erstens um ihn zum Flughafen zu bringen. Zweitens um mein Bus in die Hauptstadt zu nehmen. Nachtbus. Schrecklich. Ich konnte noch eine kurze Dusche nehmen, bevor ich kreuz und quer durch die Stadt gefahren bin um das richtige Gebäude zu finden. Adrenalin pur. Ungefähr 5 Offizielle haben mich gefragt, was ich will und wohin ich will. Immer hieß es 3.Stock. Nach genauso vielen Kontrollen hieß es nur noch hinter der Tür rechts. Ich sah Leute. Oke, Wartezeit. Als ich durch die Tür kam und mich nach rechts drehte sah ich noch mehr Leute. Nicht viel mehr. Links waren die Schalter. Genau neben der Tür rechts über meiner Schulter sah ich im Augenwinkel…. ein Telefon. ‚Linea Azul. Direkte Verbindung mit der Visumsbehörde‘ Mir war klar: Jetzt werde ich verarscht. Ich fragte bei jedem der Kontrollen nochmal nach. Wieder eine einstimmige Antwort ‚ Doch, Sie können mit jemand reden, wenn sie das Visum beantragen. Nein, für Informationen rufen Sie an. Linea Azul. 3.Stock.‘ Ich war frustriert. Dafür bin ich 9 Stunden in diese Stadt gefahren? Was soll ich machen? Ich rufe an. Und versuche mich zusammenzureißen. Wieder keine Informationen. Dachte ich. Beiläufig machte der arrogante Jeck allerdings einen Fehler und sagte mir etwas mit dem ich etwas anfangen konnte. Mit dem Selbstständigenvisum kann ich keinen kommerziellen Laden aufmachen. Das wars. Ich musste an die frische Luft, was in Bogota gar nicht so einfach zu finden ist. Und jetzt? Ich brauchte eine Weile um mich zu sammeln. Ich bin ca. 4 Stunden gelaufen, danach joggen gewesen. Was ist mit einer Galerie? Einem Atelier? Das Café läuft über anderem Namen? Soll ich heiraten? Ich hatte Fragen. Aber in Bogota muss ich nicht bleiben. Am nächsten Tag habe ich mich noch mit Freunden getroffen. Kaffee hier, essen da. Spaziergang woanders. Abends ging es wieder Heim. Manizales. Der Kopf war immer noch voll. Und das Haus leer. Ich setzte mich gleich am nächsten Tag wieder an die Arbeit. Internet. Chat mit der Cancilleria. Nur schwammige Sachen. Aber auch sie schrieb ‚Keinen kommerziellen Laden… Aber alle Informationen sind ohne Gewähr!‘ Ja. Danke. 50 Dollar zahlen um eine Antwort zu bekommen? Wenn man hier Geld hat, streckt jeder seine Hand aus. Keine Galerie, kein Atelier, keine Werkstatt. Was kann ich dann bitte mit diesem Visum machen? Reparaturen. Langsam wurde die Sicht klarer. Das Selbstständigenvisum ist eher ein Freelancervisum. Es ist für Fachkräfte anderer Berufssparten gemacht. IT, Medien etc.. Fachkräfte die das Land braucht um einen anderen Markt aufzubauen. Tischler? Gibt es hier auch. Kaffees? Können auch Kolumbianer eröffnen. Alles andere braucht man hier nicht. Ich war nicht so niedergeschlagen wie gedacht. Aber trotzdem traurig. Und der Kopf arbeitete… Aber insgeheim wusste ich das meine einzigen Chancen das Heiraten und Kinder zeugen sind. Gut Kinder zeugen um ein Visum zu bekommen war erstmal kein Thema. Heiraten? Widerstrebte mir irgendwie. Vielleicht aus Stolz. Ich hab nichts gegen Heiraten wegen Papieren. Ganz im Gegenteil. Ich hätte das ja letzten Winter fast für jemanden gemacht. Eine Kolumbianerin. Hätte ich mal… Andere Möglichkeiten kommen mir gerade nicht in den Sinn. Ich bin also dabei mich von Kolumbien ein weiteres Mal zu verabschieden. Vielleicht für immer, vielleicht komme ich wieder. Der Frust hat nachgelassen. Traurig bin ich manchmal. Es war alles so nah. So Wirklich. Ehrlicherweise muss ich auch sagen, dass ich Kolumbien auch mit anderen Augen sehe. Nicht mehr mit denen eines 25 jährigen, der gerade sein Studium beendet hat. Weit entfernt von Realität und weiterführenden Gedanken. Weit entfernt von denen eines Reisenden. Kolumbien ist kein Traumland. Es gibt vielschichtige Probleme auf unterschiedlichen Ebenen. Gesellschaftlich, wirtschaftlich, menschlich aber gerade politisch. Aktivisten, egal ob soziale- oder politische Bewegungen, werden (trotz Friedensvertrag) mindestens alle 2 Tage ermordet. Es gibt keine Menschenrechte. Wer aus der Reihe tanzt wir umgebracht. Die Regierung um diesen heuchlerischen Friedenspreisträger und Präsident Manuel Santos erfüllt nichts auf dem Friedensvertrag der mit der FARC geschlossen wurde. Geschweige denn nimmt er die anderen Rebellenorganisationen wie die ELN ernst. Die Paramilitärs nehmen die ehemaligen FARC Gebiete ein. Die Bevölkerung wird bedroht und leidet mehr als vorher. Aber die Regierung streitet jede Existenz von Paramilitärs ab, weil die Verstrickungen in die Politik sonst auffallen würden. Mulitinationale Konzerne wie Nestle, Chiquita, Coca-Cola und Monsanto haben imensen Einfluss auf die Politik und ihre Gesetze und können machen was sie wollen. Die Regierung setzt immer noch Herbizide und Glyphosat gegen den illegalen Coca Anbau ein und setzt so das Leben Ihrer Bevölkerung aufs Spiel. Die Politik und die Elitären Gebilde sind nicht an Veränderung und Fortschritt interessiert. Das hat man bei der Volksabstimmung im Oktober gesehen. Das Land hat viele Probleme. Aber dennoch hat es Magie. Und die ist nicht zu unterschätzen. Es sind die einfachen Menschen die das Land schön machen. Die Landschaften. Die Stimmung.

Wie es weiter geht weiß ich noch nicht genau. Bis jetzt ist es eher unwahrscheinlich, dass ich schnell nach Europa zurückkomme. Ich will erstmal arbeiten und Geld verdienen. Da kommen Länder wie Kanada, Neuseeland und Australien ins Spiel. Was ich bis jetzt gelesen habe, soll es leicht sein Geld zu verdienen. Ich weiss das wenn ich jetzt nach Europa, oder besser gesagt Köln, zurückkomme, werde ich diesen Ort nicht mehr verlassen. So weit bin ich nich nicht. Ich will mir noch offenhalten wieder hier hin zu kommen. Noch einen Anlauf. Wenn nicht schadet es ja auch nicht mit Geld nach Deutschland zu kommen. Geplant ist es bis Juni in Kolumbien zu sein. Was ich mache? Über die Zeit hat sich eine mehr oder weniger kleine To-Do Liste angesammelt, die ich abarbeiten will. Möbel bauen, Melodica lernen, wieder Kochen, backen, mehr lesen, Sport machen. Ich will mich auf mich konzentrieren. Zeit nehmen. Meine Mutter kommt zu Besuch. Darauf freue ich mich sehr. Vielleicht kann ich ihr zeigen, was mich hier so verzaubert hat. Wie zu erwarten machen sich auch die Flugulus (Felix, Elli und Johanna) notgedrungen auf den Weg. Sie müssen das geliebte Patagonien, in dem sie jetzt 7 Monate gelebt und geliebt haben, verlassen, weil der menschenverachtende Winter in diese vergessene Wunderlandschaft einzieht. Wie könnte ein Abschied aus diesem mir so wichtigem Land schöner enden als 4 geliebte Menschen zu sehen?

La vida vale la pena

 

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8 Gedanken zu “La vida vale la pena

  1. Meine Güte … Tut mir leid, dass du so viele Kilometer entfernt eine Bürokratie kennenlernst, die es mit der deutschen/europäischen locker aufnehmen kann. Bleib‘ am Ball, amigo!

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  2. Hallo Gwenn, schön mal wieder was von DIr zu lesen. Obwohl es mir so leid tut, dass es nich so lief wie Du es Dir geträumt und erhofft hast.
    Aber wie Du schon selbst gemerkt hast weiß man nie wofür dies alles gut ist. Hört sich ziemlich abgedroschen und banal an und ist auch bestimmt kein Trost. Ichwünsch Dir trotzdem noch eine schöne Zeit und alles Liebe.
    Brigitte

    Gefällt 1 Person

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