Wurzeln

Ich sitze in San Gil auf meinem Bett. Die Füße, noch geschändet vom wandern der letzten Tage, hängen in der Luft. Ich bin entspannt und fühle mich wohl. Auch weil ich mich  endlich mal wieder körperlich verausgaben konnte. Darum mag ich das wandern so. Man lernt seine Grenzen und seine Fähigkeiten kennen. Mental und physisch.Was man kann, was man nicht kann und was man auf keinen Fall wieder tun sollte. Dazu die Reduzierung auf das Wesentliche. Zelt, Isomatte und Campingkocher. Eine Diät aus Haferflocken, Nüssen, Rosinen und chemischen Nudeln. Jede Menge Wasser. Überall Natur, wenige Menschen, viele Gedanken. Regen wird Regen und Sonne bleibt Sonne. Die einzigen Ziele: So lange wie möglich laufen und für den Abend den bestmöglichen Schlafplatz zu finden. Es ist eine Art Meditation für mich. Eine Reinigung. Den Körper ausreizen, dem Geist freien Lauf lassen. Nach ein paar Tagen mit diesem Rhythmus  ist man müde und hat mehr Energie zugleich. Der Kopf ist gestärkt, der Körper braucht Regeneration. Alles schmeckt besser. Intensiver. Man merkt was gefehlt hat. Früchte. Frisches Gemüse. Käse. Kohlensäure. Menschen. Musik. Mehr Früchte. Man merkt auch was man gerade nicht (mehr) braucht.

Ich komme gerade nicht drum herum diesem dummen Gespräch von mehreren deutschen Touristen in der Küche zu lauschen und habe eine Mischung aus Mitleid und Wut in mir. Mit Halbwissen und Lonely Planet Weisheiten wird dort um sich geworfen und jedes Klischee über arrogante Europäer, egozentrische Reisende und einfach nur Dummheiten wird dort erfüllt. Auch diesen Tourismus hat das Land mittlerweile angezogen. Vielleicht war er auch immer schon da. Vielleicht war ich auch mal ein Teil davon. Um das herauszufinden müsste ich allerdings wieder wandern gehen.

Jedenfalls…

Ich habe mich verändert. Ich habe schon mehrere Weihnachtsfeste nicht mit meiner Familie verbracht. Bitte entschuldige Mama, aber ich habe das damals nie als sehr schlimm empfunden. Ich wusste, dass ich das nächste Jahr oder zumindest kurz darauf wieder in den Kreis meiner Geliebten (und Solenn 😉 ) treten werde und alles sein wird wie vorher. Im Moment weiß ich nicht wann ich meine Familie das nächste Mal sehen werde. Ich bin nicht aus der Welt und ich habe mir vorgenommen immer so viel Geld von meinem Gesparten zu behalten um mein Rückflugticket zu kaufen. Aber ich weiß auch, dass ich in diesen Neuanfang investieren muss um Fuß zu fassen. Mental und körperlich. Wie beim Wandern. Ich habe zum ersten Mal richtig Sehnsucht nach meiner Familie, nach Köln, nach dem Leben der letzten Jahre dort. Meine Mutter zu umarmen. Mit meiner Tante Kaffee zu trinken. Mit meiner Schwester dummes Zeug zu reden.Vor allem ihr dabei zuzuhören. Von meinen Neffen dabei gestört werden. Mit Tim und Sebas am Rathenauplatz oder Grüngürtel ein Kölsch zu trinken. Oder zwei. Mich bei Ina zum essen einzuladen. Von Sarah einen Streich gespielt zu bekommen. Patrick, Flo und Eric jede Woche erneut abzusagen. Mit Stephan durch die Heidelberger Altstadt zu laufen und Thomas jedes mal aufs Neue bestätigen nie wieder hier hin zu kommen. Mit Amelie Sonntags den Tatort zu schauen. Jeden Abend aufs neue gespannt zu sein was für eine Herausforderung auf der Arbeit am nächsten Tag auf mich wartet. All das fehlt mir. Gleichzeitig habe ich das Gefühl das es richtig ist hier zu sein. Ich weiß, dass ich mich nirgends wohler fühlen würde als in diesem Land. Zu diesem Zeitpunkt. Ich weiß das ich eine Chance habe und das ich diese nutzen will. Warum weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung warum ich all das aufgegeben habe um mich in eine Ungewissheit zu stürzen. Mein Lieblingshippie hat versucht mir beizubringen, dass das Leben nur aus vorbeiziehenden Momenten besteht: ‚was die Antwort auf jede Frage in Vipassana ist.. Beobachten.. eigene Gefühle, Aktionen, Reaktionen zu beobachten und sich dessen bewusst zu sein.. dass dies alles „nur“ Emotionen sind.. die kommen und gehen.. Law of nature.. alles ist impermanent..‘   … Ich denke noch drüber nach… Ich freue mich auf dieses Ungewisse, auf diese Herausforderung. Auch wenn ich merke das ich mich gerade noch ein bisschen davor drücke. Hinauszögere. Aber das mache ich öfter vor größeren Aktionen. Vor dem Studium. Vor der Ausbildung. Auch bei der Jobsuche war meine Bewerbung nicht unter den Ersten. Aber es hat immer geklappt. Ich habe genug Selbstdisziplin um meine Gedanken umzusetzen. Genug Geduld. Genug Fantasie. Ich kann mit Menschen umgehen. Und wenn der Mond will habe ich auch das nötige Glück. Ich kenne auch genug Weisheiten: Nur wenn man aufsteht kann man hinfallen. Genial. Ich brauche nur manchmal einen kleinen Tritt. Vielleicht ist das ja dieses erwachsen werden: Selbstinitiative. Sich selbst treten. Verantwortung übernehmen. Ich versuche es nächstes Jahr.

Mittlerweile bin ich in San Gil. Habe den Absprung aus Bogota geschafft. Zum Schluss ging es schnell. ich habe gemerkt, dass ich dort nichts mehr gemacht habe außer Unfug. Also raus aus dem Moloch. Rein in die Sonne. Ich war ein Wochenende mit Uma nochmal in Choachi im Paramo. Leider mussten wir frühzeitig zurückkehren, da ihre Fähigkeiten als Hebamme gefragt waren. Ich habe meine Sachen zusammen geschmissen und bin zum Busbahnhof ohne genaues Ziel. Nur eine Richtung. Norden. Der nächste Bus brachte mich nach San Gil. Die selbsternannte kolumbianische Outdoorhauptstadt. Paragliding, Raften, Bungee Jumpen, Mountainbiken und natürlich Wandern. Ich entschied mich vorerst für das Wandern. Genau Daten hab ich noch nicht. Aber ich war 4 Tage unterwegs. Kleiner Rucksack, Zelt, Regensachen, kein Schlafsack (welcher nicht notwendig aber hilfreich gewesen wäre), Kocher und Essen. Ich habe über die Strecke, die eine alte Handelsroute war, im Internet gelesen. Vor Ort hatte natürlich keiner Informationen. Was aber gar nicht so schlecht war, da man so viel mit den Leuten auf dem Weg gesprochen hat und da das nicht viele waren musste man jede Gelegenheit nutzen nach dem Weg zu fragen und ob man nicht doch die Abzweigung vorher hätte nehmen sollen. Die Menschen sind toll hier. Meist Bauern die auf Ihren Bauernhöfen (‚Fincas‘ oder ‚Granjas‘) an dem Weg leben. Da es den Bauern hier aber recht gut geht (der Boden ist sehr Fruchtbar, die Regenzeit funktioniert und sonst sind es zwischen 22 und 27°C) sind die Handelswege meistens keine Wege mehr, sondern Straßen. Dirtroads. Was der Stimmung nur manchmal geschadet hat. Hauptsächlich wenn die Wagen schnell kamen und rießige Staubwolken aufgewirbelt haben. Die Landschaft ist schön und vielfältig. Viele Fruchtplantagen, Tabak- und Kaffeefelder. Wälder, ebene Flächen und kleine Dörfer. Ich bin von San Gil über Cabrera nach Barrichara gelaufen. Von Barrichara über Guane nach Villanueva. Von Villanueva über Jordan, das in der Chicamocha Schlucht liegt, nach Los Santos und von Los Santos wieder zurück an die Carretera nach San Gil. Mein stärkster Gegner die Tage war eindeutig die Sonne und das fehlende Wasser. Die Sonne kannte mit durchschnittlich 27°C keine Gnade und die fehlenden Flüsse am Wegrand aus denen man trinken kann und die damit einhergehende Beschwerung meines Rucksacks um insgesamt 5kg Wasser unterstrichen dann doch die Vorteile der Hochgebirge. Die letzten beiden Tage durch die Schlucht mit insgesamt 4000 Höhenmetern haben ihren Rest gegeben. Ich hätte keinen Kilometer mehr laufen können als ich an der Carretera ankam und war froh, als endlich ein Bus gehalten hat um mich stinkendes Etwas mitzunehmen. Ich habe meine erste Schlange gesehen. Sie war winzig, grün und blitzschnell, sodass es für ein Foto nicht reichte. Auch eine Zecke habe ich mitgenommen. Aber die ist wieder weg.

Die nächsten bzw. letzten  Tage habe ich zur Regeneration genutzt. Lokale Spezialitäten wie die Arepa Santandereana, Cabro, Caldo de Costilla, Carne Oreada gegessen, leider nicht so viele Avocados wie ich gerne hätte und meine Früchteliste um Curuba und Feijoa erweitert. Das Kolumbianern Musik gefällt wusste ich, aber langsam hege ich Zweifel daran, dass es Zufall ist das schon wieder ein Festival. Traditionelle Musik aus Santander. Das… war anders… Seit ich vom Wandern zurück bin mache ich jeden morgen eine halbe Stunde Yoga. Auch eine Melodica habe ich mir gekauft und will versuchen meine Talente zu erweitern.

Jetzt geht es nach Medellin.

Liebe

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6 Gedanken zu “Wurzeln

  1. The Teaching of Buddha – sacred sayings : “ Do not dwell in the past, do not dream of the future, concentrate the mind on the present moment“…“The secret of health for both mind and body is not to mourn for the past, not to worry about the future, or not to anticipate troubles, but to live wisely and earnestly for the present“

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  2. Hallo Gwenn,
    tut mir leid, dass ich erst jetzt wieder reingeschaut habe. Aber Du weißt ja, was los war und ich war. wen auch nur Tante- vollkommen durch den Wind.
    Jetzt halt ichs kurz, da gleich Besuch kommt und ich erstmal meine Tränenspuren beseitigen muss.
    Ich wünsch Dir auf jeden Fall (Trotzdem) eine schöne Weihnacht und melde mich diese Tage nochmals ausfürlicher. Ganzliebe Grüße, einen dicken Drücker
    Brigitte

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  3. Ach Brigitte… und ich hab mir schon Sorgen gemacht, dass du als einsame Spitze der Statistiken aufgehört hast zu kommentieren… 🙂 Schön von dir zu hören. Ja, das mit dem Schlemmen gehört auch zum Wandern dazu.. Energie tanken.. Das die Essen so kräftig sind ist den Kolumbianern geschuldet 🙂

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